Für diejenigen, die noch nicht in den Genuss eines Eigenstarts mit einer DG-800 gekommen sind, muss ich etwas ausholen und ein paar Erläuterungen vorweg schicken. Die anderen, die "Privilegierten", die dieses Erlebnis regelmäßig konsumieren, mögen mir verzeihen und einfach darüber weg lesen:
Einen Eigenstart mit einer DG-800 durchzuführen ist die einfachste Sache der Welt. Das Ding besteht nur aus Leistung, "handhabt" sich fast von selbst und .... ruck zuck ist man oben.
Aber ich greife schon wieder vor. Für mich als Segelflieger, Motorseglerflieger und Motorflieger mit nunmehr schlapp 2500 Stunden gilt auch mit DG-Performance immer der Grundsatz, am äußersten Ende der Startbahn zu starten und immer die volle Leistung bis mindesten 300 m über Grund auszunutzen. Dazu habe ich versucht, mein eigenes Startverhalten so einzuüben, dass ich optimal abhebe und dann möglichst ohne Geschwindigkeitsknick die maximale Steigleistung erfliege. Sollte doch eigentlich für jeden gelten oder ? Wenn man dies - wie ich - konsequent durchzuziehen versucht, führt dies aber zu Situationen, die dann die "andere Seite der Medaille" - siehe Untertitel - aufblättern.
Auslöser meiner Geschichte ist ein kleiner Flugplatz in der Mitte Frankreichs, so 80 km südlich der Loire. Zeit des Geschehens der Sommer 1998, der zu Fluchtreaktionen aus Deutschland ja reichlich Anlass gab.
Zwei deutsche Fliegergruppen waren anwesend, um endlich mal bei Sonnenschein zu fliegen und der war da.... 40 bis 42 °C im Schatten nagten doch sehr an der Leistung des Schleppflugzeugs "Morane" und allem was sich sonst so in die Luft erheben wollte. Und das waren neben meiner 800 eine DG-400, eine PIC 20 E und diverse Motorflugzeuge.
Als ich meinen ersten Start machte und mich neben dem Startbahnende fertig machte, erntete ich mehrere merkwürdige Blicke, zumal keiner meiner Kameraden vor zu haben schien, mir zu helfen. Na ja - dann starte ich halt.
Alles lief wie immer. Am Ende der Bahn war ich nicht wie gewohnt ca. 250 m hoch sondern vielleicht nur 200,... aber es war ja auch tierisch heiß. Alles war normal bis, .... ja bis ich am Nachmittag wieder gelandet war.
Als ich – wie dort üblich und erlaubt - bis vor den Hänger gerollt war und in Ruhe meinen Nachflug-Arbeiten nachging, begann fast so etwas wie Spießrutenlaufen:
Nacheinander kamen mehrere Leute des fremden Vereines und "nahmen mich zur Brust":
"Was mir denn einfiele......" / "Ob ich mich umbringen wollte...." / "Wie könne man denn so starten....." / "Ich sei doch Fluglehrer und müsste ein gutes Beispiel abgeben....."
Das waren noch die netten Varianten der über mich hereinstürzenden Kritik.
"Ich sei ein verantwortungsloser Idiot, der sich doch gefälligst einen anderen Platz zum Abstürzen suchen sollte....." waren schon die herberen Sprüche die ich mir anhören musste.
Ich wusste überhaupt nicht, wie mir geschah. Ich hatte nichts gemacht – so meinte ich jedenfalls.
Ich war gestartet, war während meines ganzen Starts nie unter 85 - 90 km/h und hatte mich sauwohl dabei gefühlt.
Etwas später bekam ich ähnliche Kritik von den Franzosen zu hören. Allerdings nicht auf germanische Art mit dem Holzhammer, sondern viel netter und höflich, als Frage verpackt : "Ob eine DG-800 den immer so starten würde...." / "Ob das nicht gefährlich sei...." / "Und im Übrigen sei das ja ganz beeindruckend, aaaber - wie schon gesagt - es würde schon sehr verwegen aussehen....."
Keine Kritik kam von meinen Vereinskameraden. Die kannten das ja wie es aussieht, wenn eine 800 startet.
Als ich einem Vereinskameraden erzählte, wie ich angegangen worden war und ihn fragte, ob das tatsächlich so kriminell gewesen sei, lachte der nur. Er war auch am Start gewesen und erzählte mir nun, dass ich insofern Pech gehabt hätte, dass vor mir erst die DG-400 und dann die PIC gestartet waren, was ich schon wieder vergessen hatte. Na ja und der Unterschied hätte dann halt dazu geführt, dass alle fremden Beobachter ganz massiv die Luft angehalten hätten, während meine Vereinskameraden dies als ganz normalen Start klassifizierten.
Nein, meinte er, ich hätte nichts Besonderes abgeliefert, die anderen hätten aber wohl heftig über meine vermeintliche Unvernunft diskutiert.
Jetzt wusste ich wenigstens, woran ich war. Die nächsten Tage verbrachte ich dann mit offensiver Aufklärungsarbeit. "Eine DG-808C steigt halt einfach gut...." / "Flacher zu steigen geht schlecht, weil dann entweder der Motor überdreht oder man Gas rausnehmen muss, was ja wohl auch Quatsch wäre...."
Sie sehen also lieber Leser, auch exzellente Leistungen können Schattenseiten haben.
Ich jedenfalls bereite mich seitdem auf einem mir fremden Platz anders auf den Start vor. Ich frage unauffällig nach, ob schon jemand DG-800 hat starten sehen und wenn nicht, lasse ich so ein paar Bemerkungen fallen. Sie können sich denken wie....:
"Startet gut das Ding....." / " Muss mich fürchterlich ranhängen, sonst überdreht der Motor...." und in der Art.
Das klappt auch. Trotzdem hoffe ich, dass durch steigende Durchsetzung des Marktes bald alle wissen, was Steigleistung heißt und der "Hauch des Risikos" durch wohlwollende Bewunderung ersetzt wird.
Ich hoffe, ich habe Sie nicht gelangweilt, aber beim Starten mit einer DG-808C kann man mehr erleben, als nur in die Luft zu kommen!
Ihr Wolfgang Mazoch