Beim Angebot von Segelflugzeugen mit Klapptriebwerk - und das Folgende gilt in gleicher Weise für Eigenstarter wie für Turbos - gibt es zwei Philosophien, die sich diametral gegenüber stehen.
Zur ersten Gruppe der Argumente lässt sich nicht viel Gegenteiliges sagen. Einer meiner Lehrer brachte vor 40 Jahren den Spruch:
Das habe ich mir gemerkt! Wie war das doch noch so schön einfach, als ich als Student am Vergaser meines Autos herum schraubte. Machen Sie das mal mit einer elektronischen Einspritzung! Aber - wollen Sie deshalb auf die elektronische Einspritzung in Ihrem Auto verzichten?
Und damit kommen wir zur zweiten Gruppe der Argumente. Auch sie sind eigentlich nachvollziehbar und leuchten jedem ein, aber was bedeuten sie genau?
Dass das Antriebskonzept mit dem DG-eigenen DEI seit mehr als 20 Jahren erprobt und zuverlässig ist, wird sicher niemand bestreiten wollen. Dass es komfortabel ist, sich um nichts kümmern zu müssen, was hinter Einem passiert, leuchtet ebenso ein. Und wie steht es schließlich mit dem angeblichen Sicherheitsgewinn?
Ich glaube, dass der dramatisch unterschätzt wird:
Die DG-400 war der erste in größerer Anzahl gebaute Eigenstarter mit Klapptriebwerk. 285 Flugzeuge wurden ausgeliefert und heute noch ist die DG-400 ein bei ihren Eigentümern sehr beliebtes Flugzeug.
Leider mussten wir feststellen, dass es mit Klapptriebwerks-Motorseglern einige schwere, ganz spezielle Unfälle gab. Es war erwartet worden, dass das Fliegen mit solch einem Motor im Rücken besonders sicher sei, weil das Außenlanderisiko entfällt. Dafür gab es aber einen ganz neuen Unfalltyp , mit dem niemand gerechnet hatte. Er ließ sich immer wieder auf die folgende, typische Situation zurück führen:
Ein Pilot fliegt in schwacher Thermik oder im Endanflug auf einen Platz und merkt allmählich, dass es knapp wird mit der Höhe. Laut Handbuch sollte er ab 500m GND nach Außenlandemöglichkeiten Ausschau halten, dorthin fliegen und über einem sicheren Außenlandefeld seinen Motor starten, um erneut Höhe zu gewinnen oder den Endanflug zu strecken. Das geschah aber oft nicht! Statt dessen flog unser Beispielpilot weiter in der Hoffnung, die Höhe werde reichen und in dem Wissen, dass er ja einen Motor hat. Und das ging dann so lange, bis es wirklich knapp wurde, bis die Baumspitzen fast den Flügel berührten und es absolut klar war, dass der Motor jetzt ganz schnell würde anspringen müssen, um eine Katastrophe zu vermeiden.
In dieser Situation aufkommender Panik hatte unser Pilot nun gemäß Flughandbuch eine Reihe genau festgelegter Handgriffe zu abzuspulen: Zündung einschalten, Motor ausfahren, Chokeklappe ziehen oder Primer betätigen entsprechend der geschätzten Motortemperatur, Gashebel auf richtige Position, rechtzeitig den Starterknopf drücken und während der ganzen Zeit in unmittelbarer Bodennähe das Flugzeug langsam mit der richtigen Klappenstellung fliegen.
Und was passierte dann?
Nun, im allgemeinen sprang der Motor an und der Pilot war erleichtert.
Ist mir damals auch einmal passiert, und hinterher habe ich über meinen eigenen Leichtsinn geschimpft!
Was aber, wenn der Pilot jetzt einen Fehler gemacht hat? Wenn er den Choke zu viel oder zu wenig bedient oder mit der manuellen Primerpumpe den Motor zum Absaufen gebracht hat? Dann ist es leider einige Male passiert, dass der Pilot solange weiter an der Bedienungseinheit herum gefummelt hat, bis das ins Auge gefasste Außenlandefeld unerreichbar war oder die Baumspitzen das Leitwerk abrissen.
Die meisten Piloten konnten hinterher noch von ihrer Dummheit berichten und wir hatten evt. einen Reparaturauftrag.
Ich selbst habe mal in Vinon aus großer Höhe beobachtet, wie ein bekannter Segelflieger der Offenen-Klasse mit seiner Super-Orchidee eine wunderschöne Außenlandung im Durancetal machte, obwohl er doch einen Turboantrieb an Bord hatte. Sie hätten ihn mal darüber schimpfen hören sollen, dass es für ihn systembedingt möglich gewesen war, den Motor auszufahren, ohne die Zündung eingeschaltet zu haben!
Ein anderer Bekannter von mir mit einem anderen Flugzeugtyp konnte nicht mehr von seinem Unfall berichten.
Wie gesagt: Diese typische Unfallsituation hat seinerzeit dazu geführt, dass auch die DG-400 signifikant in einige schwere Unfälle verwickelt war, obwohl jeder das Gegenteil vermutet hätte, da schließlich die Unfallursache "Außenlandung" weitgehend weg fiel. Im Unfall-Untersuchungsbericht stand dann immer als Ursache "Pilotenfehler", aber wem nützt das schon außer dem Hersteller und seiner Produkt-Haftpflichtversicherung? Und viele heute angebotene Motorsteuerungen bieten sogar noch weniger "Plausibilitätsprüfungen", als es die DG-400 seinerzeit hatte.
Das bedeutet konkret, dass viele Sachschäden nicht aufgetreten sind und dass - rein statistisch gesehen - etwa 3 bis 6 tödliche Unfälle weniger passiert sind als mit der gleichen Anzahl konventionell ausgerüsteter Flugzeuge durchschnittlich passiert wären.
(Wir von DG kennen jedenfalls nicht einen Fall, wo ein Pilot mit einer DG-808B/C das Triebwerk wegen zu spätem Ausfahrens nicht zum Laufen bekommen hätte!)
Das eben gesagte ist - mit Verlaub gesagt - eine ziemlich dramatische Aussage, oder etwa nicht?
Und das "Verrückte" dabei ist, dass diese drei bis sechs eben nicht betroffenen Piloten keinerlei Ahnung davon haben, dass sie ohne automatische Steuerung ihres Flugzeugs statistisch gesehen einen schweren Unfall gebaut hätten. Es hat ja schließlich alles normal und reibungslos funktioniert in den letzten Jahren und auch damals, als sie mal dem Boden besonders nahe waren, als sie den Motor schließlich doch noch ausfuhren....., weshalb darüber nachdenken?
Ja - eben!
DG Flugzeugbau ist der Auffassung, dass ein Antriebskonzept so einfach wie nur irgend möglich sein sollte - und zwar für den Piloten und nicht unbedingt auch für den Hersteller!
Sehen Sie es doch so:
Es ist "cool" ein System zu haben, welches vollautomatisch arbeitet und den Piloten von unnötiger Bedienung entlastet
Es ist komfortabel und macht Spaß, sich allein auf das Fliegen konzentrieren zu können
Und es ist zusätzlich ein erheblicher Sicherheitsbeitrag - ob man das nun "cool" findet oder nicht.
Und wenn Sie im Zweifel sind, ob Sie sich diese zusätzliche Sicherheit leisten sollten - denn natürlich ist sie teurer in der Herstellung - , fragen Sie am besten Ihren Lebenspartner / Ihre Kinder!
Ich komme gerade von einem Freund, der ein Entwicklungslabor für neue Konzepte einer bekannten Autofabrik leitet.
Ich habe ihn und einen seiner Ingenieure gefragt, wie sie Sicherheit verkaufen, denn dass sich im Automobilbau - im Gegensatz zum Segelflugzeugbau - Sicherheit verkaufen lässt, ist ja offensichtlich.
"Wisst Ihr aus Statistiken, ob Eure Fahrzeuge in weniger Unfälle mit Verletzten verwickelt sind, als die der Konkurrenz?
Und wie geht Ihr mit dem Wissen um?"
Antwort:
"Wir haben genaue Statistiken, dass ein angeschnallter Insasse in unseren Autos bei einem Unfall mit bis zu 100km/h eine nahezu 100% Überlebenschance hat und bei anderen Herstellern das nicht der Fall ist. Wir sagen natürlich nicht: "Bei dem XY-Hersteller kommen Sie ums Leben", aber wir gehen schon offensiv mit solchem Zahlenmaterial um. Vor allem versuchen wir aber, Sicherheit als "cool" darzustellen. Jeder will heute "cool" sein und nur was "cool" ist, verkauft sich.
Und dann versuchen wir noch den Appell an Ehefrau und Familie, in Sicherheit zu investieren - das funktioniert immer, denn das versteht jeder."
Jetzt wissen Sie, woher der Spruch weiter oben kommt.
Und wenn Sie wissen wollen, in welchem Labor ich war, schreiben Sie mir eine Mail!
Direkt veröffentlichen möchte ich die Information nicht, zumal ich ein Auto eines anderen Herstellers fahre. ![]()
Unser Chefkonstrukteur ist in seinen Äußerungen manchmal sehr kurz angebunden. Das muss er sein angesichts der Fülle seiner Aufgaben.
Aber manchmal schreibt er etwas ausführlicher, und seine Gedanken sind es uneingeschränkt wert, wiedergegeben zu werden:
Hallo Zusammen
Noch mal etwas zum Thema DEI-NT
Zur neuen "main switch warning" muss ich jetzt doch noch einige Gedanken loswerden.
Ich glaube ich fange dabei mit der DG Philosophie „Sicherheit durch Komfort“ an, die neben den Features wie große Haube und bequeme Sitzposition insbesondere auch die Triebwerkssteuerung und damit das DEI betrifft.
Wir hatten uns damals bei Glaser Dirks überlegt, wie wir es schaffen können, dass nicht nur Spezialisten, die Ihren Werkzeugkoffer schon parat haben, bevor Sie den Anhänger öffnen, einen Klapptriebwerksmotorsegler betreiben können.
Hauptsächlich dadurch, dass ich zusammen mit Utz Schicke das DEI erfunden habe, wurde die DG-400 ein Motorsegler, der auch von „normalen“ Segelfliegern betrieben werden konnte und dadurch letztendlich den Weg für die Klapptriebwerksmotorsegler weltweit geebnet hat.
Ich bin davon überzeugt, dass ohne das DEI die Verbreitung und Akzeptanz der Klapptriebwerksmotorsegler viel langsamer verlaufen wäre und dass viele der damaligen Puristen heute noch keine derartigen Geräte im Besitz hätten.
Die Philosophie betreffend der Motorsegler in einem Satz:
Der Betrieb eines Klapptriebwerksmotorseglers soll so einfach wie möglich sein, da dadurch die Sicherheit enorm steigt.
Beim DEI-NT wurden viele weitere Komfort- und Sicherheitsfunktionen zu den Funktionen der bisherigen DEI’s hinzugefügt, wie z.B. ein Hinweis, wenn man vergessen hat, das Fahrwerk einzufahren oder die Überziehwarnung.
Leider musste ich feststellen, dass sich eine Eigenschaft verschlechtert hatte und zwar hat sich die Gefahr vergrößert, dass man vergisst, den Hauptschalter auszuschalten, und im Gegensatz zum alten System wird die Bordbatterie durch das weiter laufende DEI geleert. Beim alten System wurde die Bordbatterie nicht geleert, sofern alle anderen Verbraucher ausgeschaltet waren.
Beim neuen System begünstigt ein Faktor das Vergessen und zwar verleitet die Flugbuchfunktion dazu; den Hauptschalter noch mal anzuschalten, um den Flug aufzuschreiben, und danach - nun ja........
Aber auch beim bisherigen System gab es Fälle prominenter Kunden, die den Hauptschalter vergessen hatten. So stand ...........'s DG-800B zweimal mit leeren Batterien bei uns in der Werkstatt. Und er ist immerhin Lufthansakapitän und sollte Checklisten vorwärts und rückwärts lesen können!!
Apropos Checkliste:
Eine Checkliste oder einen Warnaufkleber wegen des Hauptschalters müsste man - wenn er überhaupt etwas nützen sollte - schon außen auf die Haube kleben.
Das wäre so ähnlich wie bei einem Auto ohne ABS aber mit einem Aufkleber „Halten Sie Abstand und bremsen Sie rechtzeitig“.
Übrigens hat heute sogar das billigste Auto - damit die Batterie nicht aus Versehen geleert wird - eine akustische Warnung für den Fall das jemand vergisst, das Licht auszuschalten.
Ich meine, wir sollten eher darüber nachdenken, ob weitere Komfort- und Sicherheitsfunktionen sinnvoll oder sogar erforderlich sind, um der "DG-Philosophie" gerecht zu werden und uns von unseren Mitbewerbern abzuheben.
Und übrigens: Kollege - auch Du wirst mal älter und vergesslicher!
Mit besten Grüssen
Wilhelm Dirks
Lieber Herr Weber,
mich freut doch sehr, wie Sie über "so einfach wie möglich" im Sinne von Sicherheit geschrieben haben. Das gefällt mir viel besser als Ihr früheres resignierendes "safety does not sell". Und es freut mich auch, dass Sie wieder eine Anregung aus dem Automobilbau erhalten (und hier schon zuvor - möglicherweise ohne sich dessen bewusst zu sein - angenommen) haben.
Wenn ich die Zeit zur Nutzung und das Geld zum Bezahlen hätte (habe ich im Moment nicht, weil alle meine vier Kinder eine teure Ausbildung anstreben) würde ich mir wünschen
1.) Eine für mich als Nutzer möglichst zuverlässige und simpel zu bedienende Startmöglichkeit des Motors. Da kann ich gar nicht Automatik genug haben (wenn sie zuverlässig ist).
2.) Für den Fall der Ausfall der Automatik nach 1.) (und sei dies auch nur ein theoretisches Risiko) die Möglichkeit, den Motor ohne Automatik heraus und angelassen zu bekommen. Die dazugehörigen Schalter sollten in genau der Reihenfolge in einer Linie platziert sein, in der sie zwecks Startprozedur bedient werden müssen.
Ob das alle schon vorhanden ist, weiß ich leider nicht, da mein Horizont bislang nur bis Ka 7, Ask 13, Ka 8 und Ka 6 reicht.
Leider.
Freundliche Grüße
Klaus Kleinhoff
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